Nachbarschaft. Auf der Suche nach einer Sozialform in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

Internationale und interdisziplinäre Tagung an der Universität Hamburg, 04. und 05. April 2023

Veranstaltet von Martin Baisch und Lina Herz

Ich hân mîn lêhen, al die werlt, ich hân mîn lêhen.
Nû entfürhte ich niht den hornunc an die zêhen,
und will alle boese hêrren dester minre flêhen.
Der edel künec, der milte künec hât mich berâten,
daz ich den sumer luft und in dem winter hitze hân.

Mîn nâhgeburen dunke ich verre baz getân:
Sie sehent mich niht mêr an in butzen wîs als sî wîlent tâten.
Ich bin ze lange arm gewesen ân mînen danc.
Ich was sô voller scheltens daz mîn âten stanc:
Daz hât der künec gemachet reine, und dar zuo mînen sanc.
[1]

Diese bekannten Strophen Walthers von der Vogelweide, unikal in der Manessischen Liederhandschrift als zehnter Spruch des König Friedrichston überliefert (L 28,31), gelten als Ausdruck des Dankes des Sängers für den Erhalt eines Lehen gegenüber seinem Gönner. Als dieser gilt der Forschung Friedrich II., den Walther in dem Lied Von Rôme voget, von Pülle künic, lât iuch erbarmen (L 28,1) darum gebeten hatte, bî eigenem fiure leben zu können, um weiter als Dichter tätig sein zu können.

Der (wirkungs)ästhetische Reiz der beiden Strophen liegt darin, dass die Erleichterung über den Erhalt des Lehens und der Dank an den König in der Gegenwart die Erfahrung der Armut und der Entehrung in der Vergangenheit nicht aufheben. Vielmehr gelingt es Walther in seinem Lied – in melancholischer Geste – eine Balance zwischen Gegenwart und Vergangenheit herzustellen. Der Dichter hält nämlich daran fest, dass seine Armut nicht in seiner Verantwortung lag. Er verweist darauf, dass seine Bitterkeit darüber, sein Schimpfen und Schelten, ihm den Atem stinken ließ! Schließlich verrät er, dass seine Nachbarn ihn nicht mehr anblicken, als wäre er ein Gespenst, sondern so, als habe er es nun zu etwas gebracht.

in butzen wîs: Im angenommenen Blick der Nachbarn imaginiert das Ich seine sozial prekäre Situation. Denn der Nachbar ist – so zeigt die geschichtswissenschaftliche Forschung – als vollberechtigter Hausbesitzer mit eigenem Herd und eigenem Rauch aufzufassen. Neben der personalen Bindung des Dichters zum König wird jene zu den Nachbarn als einzig weitere Sozialform benannt. In der bereits erwähnten Bittstrophe Von Rôme voget erscheint noch die Konstellation von gast und wirt, die die zeitliche Flüchtigkeit der sozial‐räumlichen Existenzweise des Sängers betont.

Die Figur des Nachbarn, das Motiv der Nachbarschaft: Beides erscheint in der Literatur des Mittelalters offenbar nur gelegentlich und am Rande. Dann aber ist die literarische Inszenierung durchaus, wie das Beispiel von Walthers Spruchdichtung zeigt, bedeutungsvoll und semantisch aufgeladen. Auch der Beginn von Wolframs von Eschenbach Artusgralroman belegt diese Auffassung: Ist zwîvel herzen nâchgebûr / daz muoz der sêle werden sûr. (Wolfram von Eschenbach: ‚Parzival’. V. 1,1f. – ‚wenn Zweifel nah am Herzen ist, das muss der Seele bitter werden’) [2] Einhelligkeit besteht in der Forschung darüber, dass Wolfram sich mit der Sentenz vom verderbnisbringenden Zweifel intertextuell auf den ‚Gregorius’-Prolog Hartmanns von Aue bezieht, in dem der zwîvel in seiner theologisch-praktischen Bedeutung als Zweifel an der Gnade Gottes entfaltet wird. zwîvel als religiöse desperatio, mit der bei Hartmann allein das Seelenheil verspielt werden kann, wird von Wolfram im scheinbar lehrhaften Merksatz anzitiert, um in den folgenden Versen in Differenz zu Hartmanns Programm widerlegt zu werden. Mittels des metaphorischen Gebrauchs von ‚Nachbarn’ wird die räumliche Nähe von ‚Zweifel’ und ‚Herz’ – als dem Zentrum menschlicher Reflexion und Empfindung – ästhetisch inszeniert.

Dann aber fehlt im literarischen Diskurs des Mittelalters, so unser Eindruck, die Bezugnahme auf ‚Nachbarn’ bzw. ‚Nachbarschaft’, wo sie eigentlich zu erwarten wäre! Dies gilt etwa, wie die Forschung konstatierte, für Neidharts Inszenierung von sozialer Welt. Diese wird durch räumliche Elemente wie stube, Tanzplatz, Gasse und Feld in präziser Konkretisierung beschrieben und konstituiert. In dem so gestalteten poetischen Raum bewegen sich der Sänger der Lieder (der Riuwentaler) und die dörper in offener Konkurrenz aber nicht als Nachbarn. Zwischen den Bindungsformen ‚Familie’ und ‚Freundschaft’ scheint die soziale Struktur im 13. Jahrhundert, jedenfalls in diesen Liedern, locker und unbestimmt. Oder der Fall des ‚armen Heinrich’: Ein von der Krankheit des Aussatzes befallener Adliger flüchtet zu einer Bauernfamilie auf einen Meierhof, so erzählt es Hartmann von Aue in seiner höfischen Mirakelerzählung, und findet dort Hilfe der ihm Nächsten, die freilich – wie die Forschung intensiv diskutiert hat – als ‚freie Bauern’ in rechtlicher und harmonischer Abhängigkeit ihres Herrn Heinrich stehen [3]

Nahe am Hof, vielleicht präziser an der Burg, so berichten es die Artusromane, beginnt der Raum des Waldes, in dem es gute und falsche Wege, mal ein Zelt, mal eine Feenkönigin, mal einen Klausner oder eine Klausnerin, ganz bestimmt aber Drachen, Riesen und Räuber, nie hingegen Nachbarn gibt.

Andere Quellentypen des Mittelalters hingegen thematisieren Nachbarn und Nachbarschaft häufiger – und freilich anders. In Rechtsurkunden des Mittelalters oder Rechtssammlungen wie dem bekannten ‚Sachsenspiegel’, auch in Dorfordnungen und in Weistümern wird Wissen darüber festgehalten, welche Konflikte zwischen und mit Nachbarn auftreten und wie sie juristisch geregelt werden können: „Menschen“, so formuliert Jan Philipp Reemtsma 2004 in einem Essay über ‚Nachbarschaft als Gewaltressource’, „können aus allen möglichen Gründen Ärger miteinander haben, Nachbarn haben Grenzärger.“ [4[ An der Grenze konstituiert sich der Nachbar, konstituieren sich die Nachbarn immer mit dem Potential zur Eskalation von Aggression und Gewalt. civis bzw. concivis lauten schon im frühen Mittelalter die lateinische Begriffe mit der Bedeutung ‚Nachbar’. Mhd. nâchgebûre gilt als Bildung, die dem lat. vincinus entspricht. Doch scheint ‚Nachbar’ im Rechtsgebrauch und in Rechtstexten eher ein deskriptiv-funktionaler Terminus zu sein und kein Rechtsbegriff erster Ordnung.

„Die Kirche sagt, du sollst deinen Nachbarn lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt.“ Diesem Zitat, das Sir Peter Ustinov zugeschrieben wird, möchte man entgegenhalten, dass der großartige Schauspieler die biblische Botschaft offensichtlich unterschätzt. Wo diese Ustinovs Nachbarn schwerlich kennen konnte, weiß sie doch um das Phänomen von ‚Nachbarschaft’ und die Regulierung von möglichen sozialen, gewaltvollen und eskalierenden Konflikten von ‚Fremden, die einander nah sind’ (wie die moderne Soziologie prägnant die uns interessierende Sozialform fasst) doch sehr genau. Sie geht aber noch weiter: Bekanntlich ist, wie Ustinov bedauert, dem Nachbar mit Liebe, Verantwortungsgefühl und Sorge zu begegnen (Lev. 19.18), das ist die ethisch‐religiöse Forderung, die auch den beiden anderen großen Buchreligionen der Region im nahen Osten nicht fremd ist.

Vor allem im Alten Testament kann man fündig werden: Mit der Beschreibung des sozialen Befunds und der strategischen Etablierung eines Normen- und Wertesystems. Die ‚guten Nachbarn’ sind dabei von hohem Wert: „Ein Nachbar in der Nähe ist besser als eine Bruder in der Ferne.“ (Buch der Sprüche 27.10) Nachbarn gelten als Gradmesser des sozialen Ansehens: „Wir sind bei unseren Nachbarn zur Schmach geworden, zu Spott und Hohn bei denen, die um uns her sind.“ (Psalm 79,4) Mit ihnen in Frieden zu leben ist und ungerechtfertigte Auseinandersetzungen zu meiden, gilt als wichtiges Gebot und als entscheidende Norm: „Sprich mit deinem Nachbarn, ehe du ihm Vorwürfe machst.“ (Jesus Sirach 19,14) Im Neuen Testament erscheint ein korrespondierender Begriff zum Nachbarn häufiger: Der Nächste und mit diesem die Liebe (vgl. Mt 19,19; Mk 12,31; Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8), dem in christlicher Ethik besondere Relevanz zugeschrieben wird. Dieser ist oder kommt uns räumlich und äußerlich nahe (vgl. LK 10,29.36 Samariter); es entsteht eine kontingente Nähe mit möglicherweise vielen Differenzen zwischen uns und ihm. Der Nachbar scheint semantisch enger und bestimmter als der Nächste. Die beiden Termini besitzen wohl aber eine Schnittmenge. Althochdeutsche Übersetzungsliteratur signalisiert dies unmittelbar: Lat. vicinus (‚Nachbar’) wird etwa in der Benediktinerregel oder im ‚Tatian’ durch nâhi oder nahisto wiedergegeben. Hannah Arendt hat sich in einer Deutung der Schriften des Augustinus um eine Analyse der biblischen Forderung nach der Nächstenliebe bemüht: „Wir versuchen zu verstehen, als was der Andere in der dilectio proximi, in der aus Gott stammenden, sich selbst verleugnenden Liebe verstanden ist.“ [5] In der Haltung der caritas gelingt dem gläubigen Christen jene notwendige Selbstverleugnung der eigenen Sündhaftigkeit, die ihn die Liebe Gottes annehmen lässt. Als ein durch diesen verzichtenden Mechanismus von sich und der Welt Isolierter ist die Erfahrung des Nächsten als ebenso Isoliertem wahrlich entlastet und erfüllt sich in der gemeinsamen Liebe zu Gott und ebenso in der gemeinsamen Abstammung von Adam.

Jörg Wickrams Prosaroman ‚Von guten und bosen Nachbaurn’ von 1556, [6] der ausschließlich im bürgerlich-kaufmännischen Milieu spielt und der „in forciert humanistischer Kostümierung erscheint“ [7], kann in seiner historischen Bedeutung für den literarischen Diskurs über ‚Nachbarn’ und ‚Nachbarschaft’ kaum unterschätzt werden. Mit dem aufkommenden städtischen Bürgertum entstehen, so konstatierte die sozialgeschichtliche Forschung, neue soziale Handlungsräume, die in neuen Narrativen und durch neue Narrative gestaltet werden müssen. Angestoßen von Jan-Dirk Müller hat die Forschung seit den 1980er Jahren die Lebens- und Sozialformen in den Wickramschen Werken mit Bezug auf Luhmann und in sozialgeschichtlicher Perspektive genau untersucht, haben Konzepte und Typologien von ‚Familie’, ‚Freundschaft’ und ‚Liebe’ in ihren Diskursbezügen und Strukturformen dargestellt und analysiert. Kaum Aufmerksamkeit erhielt in diesen Arbeiten, so unser Eindruck, jedoch das Phänomen der ‚Nachbarschaft’. Sie erscheint als räumlich-soziale Schlussform menschlicher Bindungen in Wickrams Roman: Die erzählte Nachbarschaft ist ein Teil einer Verkettung von Beziehungsstadien. Sie übergreift und strukturiert Generationen und gender, und inkludiert und exkludiert mit scharfen Grenzziehungen. Gerade der ‚Nachbarn’-Roman ist ein (oder erscheint weiterhin als ein) Solitär in Hinblick auf eine spektakuläre Behandlung von ‚Nachbarschaft’. Daher ist zu fragen, in welcher Form er eigentlich den Bezug auf biblisch-religiöse Legitimationen herstellt und funktionalisiert oder an welche Romanformen und ‐elemente er jenseits des christlich-religiösen Diskurses anschließt. Greifbar wird hier jedenfalls eine Konzeptualisierung von ‚Nachbarschaft’ als neuer Sozialform in bewusster Ausformung mit eigener Normativität, Ethik und Funktionalisierung, die auf andere Formen der sozialen Vergemeinschaftung Auswirkungen zeitigt. Denn ausgehend vom ‚Nachbarn’-Roman lassen sich diese in Neu- und Umdimensionierungen der Nähe-Distanzverhältnisse im Hinblick auf ‚Familie’ und ‚Freundschaft’ beobachten bis hin etwa zur Formierung von ‚Wahlverwandtschaften’. Gerade das Erzählen von Freunden, die zu Familie ‚gemacht’ werden, ist ja vor allem in der Gattung der ‚Chanson de Geste’ motivisch stark verwurzelt. Hier begegnen ‚Hausgemeinschaften’ immer wieder und spielen eine große Rolle, die ein auf Freundschaft, gemeinsame Versorgung und Alltagsbewältigung basierendes Familienleben ohne sexuell konnotierte Beziehungen schildern. Als eigentliche Form von ‚Nachbarschaft’ lassen sich diese Sozialformen aber nicht fassen. Und dementsprechend umso berechtigter erscheinen uns die Fragen nach dem Woher der Idee, nach den literarischen, kulturellen und christlich‐religiösen Bezugnahmen und womöglich lebensweltlichen Einflüssen auf die in Wickrams Roman zur Darstellung kommende Form von ‚Nachbarschaft’ und ihre literarische Funktionalisierung.

‚Nachbarschaft’ kann als anthropologische Konstante in dem Sinne verstanden werden, dass jede menschliche Sozialität sie ausbildet, ausbilden muss, um Verkehrsformen von Nähe und Distanz ihrer Mitglieder zu organisieren. Sie besitzt historische Spezifik und ist gebunden an den Entwicklungsstand von Gesellschaften und Kulturen. Ordnungsstrukturen von Gesellschaft wie etwa Stand, Schicht und Klasse bestimmen sie, wie kulturelle und religiöse Milieus sie prägen. Ästhetisch-poetischen Diskurse nehmen sie auf und reflektieren sie: Im Roman der Frühen Neuzeit – wie wir gesehen haben – Wickram, in späterer Literatur herausragend etwa Raabe, Rilke und Kafka.

In interdisziplinärer Herangehensweise will die geplante Tagung in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sich auf eine Spurensuche begeben: Durch Rekurs auf unterschiedliche Gattungen und Literaturen, in theoretisch-methodologischer Offenheit und Weite, historisch fundiert und sozialwissenschaftlich bewusst soll nach Erscheinungsformen, Diskursabhängigkeiten, literarischen Modellierungen und wirkungsästhetischen Funktionalisierungen von ‚Nachbarschaft’ gefragt werden.

Bei Interesse an der Teilnahme an der Tagung erbitten wir bis zum 15.11.2022 einen Vortragstitel und eine kurze Beschreibung des Vorhabens. Vorgesehen sind Beiträge in der zeitlichen Dauer von 30 Minuten. Vorbehaltlich der beantragten Finanzierung sagen wir die Übernahme von Reise- und Übernachtungskosten zu. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Bitte senden Sie Titel und Darstellung per Mail an:
martin.baisch@uni-hamburg.de
lina.herz@uni-hamburg.de

[1] Vgl. Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters: Texte und Kommentare. Hrsg. von Ingrid Kasten, Frankfurt/M. 1995.
[2] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Einführung zum Text von Bernd Schirok, Berlin und New York 1998.
[3] Hartmann von Aue: Gregorius. Der arme Heinrich. Iwein. Hrsg. und übers. von Volker Mertens, Frankfurt am Main 2004 (Bibliothek des Mittelalters 6; Bibliothek deutscher Klassiker 189).
[4] Jan-Philipp Reemtsma: Nachbarschaft als Gewaltressource. In: Mittelweg 36, 5 (2004), S. 103-120, S. 104.
[5] Hannah Arendt: Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Thomas Meyer. München 2021 (zuerst 1929), S. 93.
[6] Georg Wickram: Von Guten und Bosen Nachbaurn. In: Sämtliche Werke. Hrsg. von Hans-Gert Roloff. Berlin 1969. Bd. 4.
[7] Dieter Kartschoke: Bald bracht Phebus seinen Wagen… Gattungsgeschichtliche Überlegungen zu Jörg Wickrams Nachbarn-­Roman. In: Daphnis. Band 11/ Heft 4. Amsterdam 1982, S. 717-741, S. 721.

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